Tauber Hund - na und?!

Tauber Hund - na und?!

Beitragvon Gast 1010 » Do 8. Apr 2010, 22:32

Tauber Hund? Na und!
(c) Una Geiger

Viele Leute schrecken immer noch zurück, wenn sie hören, dass ihr Hund vielleicht taub wird oder der Welpe, den sie sich ausgesucht haben, taub ist.

Was fast niemand weiss ist, dass taube Hunde keine Seltenheit sind. Es gibt etliche Zuchtrassen, wo angeborene Taubheit bekannt ist. Nicht nur die allseits beliebten Dalmatiner, sondern auch der Deutsche Schäferhund, Dänische und Deutsche Doggen gehören zu diesen sogenannten Risikorassen - all diese beliebten Rassehunde können durch Überzüchtungen Generationen von tauben Hunden hervor bringen.

Auch taube Hunde können frei laufen, mit ihren Hundekumpels herum tollen und ein normales Hundeleben führen.
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Cenour wurde durch eine beidseitige Mittelohrentzündung, die er sehr wahrscheinlich schon Monate, wenn nicht sogar Jahre in Spanien hatte, taub. Da er aus schlechter Haltung kam, und auch noch autistische Züge hat, dauerte es fast anderthalb Jahre, bis er ohne Schleppleine frei laufen durfte. Jeden Tag (auch heute noch) üben wir für zehn Minuten die Handzeichen, denn der schnellste Denker ist er nicht (er wurde von seinem Vorbesitzer massiv misshandelt und hieraus könnte eine Hirnschädigung resultieren).

Was also tun?

Im Gegensatz zu den Menschen gleichen viele Hunde ihre Behinderung durch einen anderen ihrer Sinne aus. Für sie ist das keine Behinderung und im Umgang mit anderen Hunden ist es auch kein großes Problem. Welpen, die im jungen Alter taub geworden sind, verhalten sich fast so wie hörende Hunde. Sie stellen die Ohren auf, wenn sie merken, dass man sie ansieht und anspricht. Auch Hunde, die durch Krankheit oder Alter taub werden, können aus Sicht Fremder wie hörende Hunde reagieren, aber dies hängt auch davon ab, wie weit sie auf ihre Halter geprägt sind.

Viele Halter versuchen die Behinderung ihres Hundes mit sehr viel Nachsicht und Mitleid zu kompensieren. Das verhätschelt den Hund nur, und wenn man Pech hat, zieht man sich einen Problemhund heran, der weder Kommandos noch Regeln kennt. Mitleid ist schön und gut, doch bei einem Hund völlig fehl am Platz. Ausser seinen Ohren hat der Hund noch gute Augen und einen verdammt guten Geruchssinn. Er hört ja nicht auf Hund zu sein, nur weil er nichts mehr hört. Sein Instinkt, sein Charakter und sein Trieb verändern sich ja nicht durch die Taubheit.

Alle meine Hunde, auch die hörenden, bekommen Sicht- und Lautzeichen. Zum einen, damit sich meine hörenden Hunde im Falle einer Alters- oder Krankheitstaubheit nicht mehr umstellen müssen und zum zweiten reagieren taube Hunde auch sehr auf Mimik. Die meisten Hunde können schon allein von den Lippenbewegungen ablesen, welches Kommando gemeint ist.

Was muss man also als erstes tun? Aufmerksamkeitstraining! Der Welpe oder erwachsene Hund muss lernen auf den Halter zu achten. Hierzu gibt es viele Trainingsmöglichkeiten. (--> siehe Erziehungsmethoden)

Dies sollte man aber nicht länger als 10 Minuten am Tag üben. Ausserdem sollte man die Leckerchen von der täglichen Futterration abziehen, denn man will ja keinen Rollmops Gassi führen.

Wenn man dies kontinuierlich und konsequent trainiert, wird sich der Hund immer öfter zu seinem Halter umdrehen, ihn ansehen und auf ihn achten. Der Halter sollte sich interessant machen mit Leckerchen, Streicheleinheiten oder Spielaufforderungen. Der Hund wird lieber zum Halter zurück kehren bzw. ihn im Auge behalten, als einem anderen Hund oder einem Hasen hinterherjagen.

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Ausserdem sollte man den Hund an Berührungen gewöhnen. Viele taube Hunde können erschreckt reagieren und können zu Angstschnappen neigen, wenn sie von hinten berührt werden, oder aus den Schlaf geholt werden. Machen sie es spielerisch, benutzen sie ein oder zwei Signale/Berührungen, die alle in der Familie benutzen können.

Für meinen tauben Hund gibt es zwei Signale, um ihn z. B. aus dem Schlaf zu holen oder das er sich mir zu wenden soll:
    Sanftes Pusten ans oder ins Ohr - das Zeichen für Cenour, dass jemand ihn aufweckt (auch Familienfremde).
    Berührung einer der Vorderpfoten - das Zeichen, dass ich ihn gezielt aufwecke.


Cenours vier Basis-Signale
    Bild BLEIB - Da ich Hunde aus dem Tierschutz habe, kann eine Faust für sie eine Aggressionshaltung sein, deswegen zeige ich die Finger nach aussen, für den Hund gut sichtbar.
    Bild STOP - Erklärt sich wohl von allein
    Bild SITZ - Der erhobene Zeigefinger zeigt meinen Hunden an, dass sie absitzen sollen. Meist bei mir, aber bei Fahrradfahrern oder Joggern sollten sie sofort auf das Signal reagieren.
    Bild KOMM - Ausgestreckter Arm mit den Fingern nach unten zeigend und die Finger zu mir hinbewegend. Die Asiatische Variante des Komm her. Ich habe diese Variante gewählt, damit sie nicht freudig z.B. auf ein winkendes Kind zu stürmen.


Es gibt keine festen Standardzeichen für taube Hunde, also kann man jedes Handzeichen benutzen, das einem einfällt. Es muss nur für das jeweilige Kommando immer das gleiche Handzeichen sein. Natürlich sind die Sichtzeichen individuell ausbaubar, sollten aber auch dem Hund und seiner Intelligenz entsprechen. Cenour kann sich diese vier Signale merken, mehr aber auch nicht. Muß er auch nicht :-)

Viele taube Hunde lernen auch während des Aufmerksamkeitstrainings, dass es nichts mit Aggression zu tun hat, wenn sie ihrem Halter frontal ins Gesicht schauen. Sie lernen Mimik zu verstehen und ahmen sie auch manchmal nach. Es ist immer wieder ein kleines Wunder zu sehen, wie ausdrucksstark taube Hunde sein können.

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Einen tauben oder anderweitig behinderten Hund in die Familie aufzunehmen erfordert viel Geduld und Arbeit, ist aber auch eine große Bereicherung im Leben. Taube Hunde können und wollen genauso gefordert werden, wie ihre gesunden Hundekumpels. Das Leben mit einem tauben Hund ist nicht anders als mit einem gesunden. Man muss auf einige kleine Sachen Rücksicht nehmen, aber ansonsten ist der Umgang genauso wie mit einem ganz normalen Hund.

Viele Leute, die uns mit Cenour am Rhein treffen, sind immer sehr angetan wie gut er doch hört, weil er auf Zuruf zurück kommt. Die Sichtzeichen übersehen sie meist.
Gast 1010
 

Re: Tauber Hund - na und?!

Beitragvon bärchen » Sa 31. Jul 2010, 21:16

Das freut mich sehr dies hier zu lesen...klasse der tipp mit dem pusten ans Ohr.Wiski ist/wird im laufe seines älter werdens zunehmend tauber.Er hat seinen Stammplatz im Flur unter der Bank,nähe der eingangstür und kriegt es überhaupt nicht mehr mit wenn einer rein kommt und die Tür ins schloss fällt :( da er sehr fest schläft muss ich ihn immer anfassen um ihn zu wecken und schon mal erschreckt er dabei...werde es nun mit dem anpusten versuchen.
Die Sichtzeichen benutze ich auch,außer das Bleib....da er sich im freilauf eh nie weit weg von mir bewegt und nicht vorrennt oder jagen geht(dafür is er zu langsam)habe ich/uns immer im Blick.
Ich glaube manchmal er versteht mich tatsächlich "ohne Worte" besser :mrgreen:
Es ist sicher ein unterschied einen tauben Hund von anfang zu haben oder einer der im laufe der jahre aus altersgründen taub wird...mehr arbeit oder viel schwieriger als mit "normalen" Hunden ist es aber sicher nicht.Finde ich zumindest...
Lg Silvia und der Senior zwinkerchen
bärchen
 

Re: Tauber Hund - na und?!

Beitragvon Beate » Sa 31. Jul 2010, 21:28

Super Post ab_klat
Beate
 

Re: Tauber Hund - na und?!

Beitragvon bärchen » Mi 4. Aug 2010, 18:25

also das mit dem anpusten ans Ohr klappt bei uns ganz gut...er schaut dann zwar genauso verwirrt wie sonst,wenn er wach wird,aber viel relaxter :wink:
Was ich jetzt noch im wald getestet habe,ist die Hundepfeife...eine kleine aus Metall mit hoher Frequenz.da hat er heute 2x sehr gut drauf reagiert,so richtig mit Blickkontakt,weil ich erst dachte er schaut nur grad zufällig :-? so kann's gerne weiter gehn... :wink:
bärchen
 

Re: Tauber Hund - na und?!

Beitragvon ennie » Mi 4. Aug 2010, 18:39

meine piki war zwar nicht taub, aber sie hatte enorme schwierigkeiten damit, geräusche zu orten. habe ich gerufen, hat sie sich immer erst umgesehen, wo ich bin - hat sie mich nicht gesehen, ist sie ziellos los gelaufen. ich musste deswegen immer sehr aufpassen, dass wir uns nicht aus den augen verlieren - ganz besonders in fremden gebieten.

wir haben uns einmal eine halbe stunde gegenseitig gesucht, weil sie ein wenig getrödelt hat und dann nicht mehr wusste, wo ich bin. ich hab gerufen wie blöd (da wusste ich noch nicht, dass sie das nicht kann) und sie hat mich panisch gesucht.

ich habe deswegen auch immer zusätzlich mit den armen gewedelt, wenn ich gerufen hab und sie weiter weg war, damit sie mich besser sieht.
ennie
 

Re: Tauber Hund - na und?!

Beitragvon Gast 1010 » Mi 4. Aug 2010, 21:53

ennie hat geschrieben:ich habe deswegen auch immer zusätzlich mit den armen gewedelt, wenn ich gerufen hab und sie weiter weg war, damit sie mich besser sieht.

Das habe ich zum Schluß bei Cenour auch machen müssen, damit er noch was sah. Seine Augen liessen auf bestimmter Entfernung rapide nach.

@bärchen:
Schön, dass das mit dem Anpusten klappt und das dein Whiski nicht hochschreckt und vielleicht um sich beißt. Wenn Cenour das Pusten wahrgenommen hat, oder sein Pfötchen massiert bekam, dann hat er sich immer hingebungsvoll gestreckt und geniesserisch die Äuglein aufgemacht. Vorher ist er immer aufgeschreckt und hat geschnappt .. zum Glück hatte er den typischen Podi sanfte Biss, es war als würde er einen mit den Zähnen sanft festhalten ... aber wenn man plötzlich so Reisszähne auf sein Gesicht zu kommen sieht, dann wird einem schon anders.
Gast 1010
 

Re: Tauber Hund - na und?!

Beitragvon Bordernase » Sa 11. Jun 2011, 00:24

Ehrlich, ich hab ja grad erst ein gutes Jahr Erfahrung mit einem ansonsten gesunden, aber tauben Hund, aber ich empfinde das nicht mehr als Behinderung. Wir haben Snooker darauf konditioniert, ca. alle 30 Sekunden Blick-Kontakt herzustellen bzw. abzufragen, ob die Richtung noch ok ist. Dann kommt das ok mit der hand, und weiter gehts. Oder der Richtungswechsel. Bei Fremdhundebegegnungen merkt niemand, dass sie taub ist. Das mag daran liegen, dass ich mir angewöhnt habe, bei allen unserer Hunde sowohl das verbale Kommando als auch das Zeichen zu geben, weil normalerweise ja alle miteinander mitkommen. Man hält das wohl für ne Marotte, aber es fällt nicht weiter auf. Wo das mit alle 30 Sekunden abfragen nicht funktioniert, ist, wenn alle miteinander loszischen. Beispiel: Morgens am Pferdestall warten, bis gefüttert, getränkt und gemistet ist. Danach kommt das erlösende "OK, Laufen". Dann darf man losbrettern auf die Koppeln. Aber da gucken die anderen auch nicht wirklich auf mich. Also alles irgendwie im Lot.
Eben: tauber Hund, na und? Kann wirklich nur jedem Mut machen, sich auf einen tauben Hund einzulassen. Anfangs war eigentlich die einzige Frage: Wecke ich sie, oder wecke ich sie nicht? Wecke ich sie, erschrecke ich sie. Wecke ich sie nicht, und sie wacht womöglich von selbst auf und merkt, auwai, alle sind weg, dann ängstige ich sie. Also wecke ich sie. War immer ok, denke, war richtig.
Bordernase
 


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